Leseprobe
23 Tage bis Ankunft des Kometen (Nacht)
Es war kurz vor Mitternacht, als das Taxi die Autobahn in Richtung Garmisch hinunterfuhr. Nach rund 50 Kilometern nahm es die Ausfahrt Kochel hinaus. Nach weiteren 20 Minuten Fahrzeit würden sie in dem kleinen oberbayerischen Ort ankommen. Um die Uhrzeit war so gut wie kein Verkehr unterwegs, sodass die Dunkelheit den Wagen fast vollständig im Griff hatte. Nur die hektisch tänzelnden Schneeflocken vor den Scheinwerferlichtern zeugten davon, dass sich das Auto in Bewegung befand. Die angenehme Wärme und das dumpfe Brummen des Motors im Wageninneren machten Michael müde. Aber er konnte und wollte nicht einschlafen. Er musste sich noch immer wundern, warum seine Wohnung nicht von Polizisten oder Reportern belagert wurde, die ihm ein leichtes Entkommen unmöglich gemacht hätten. Möglich, dass sie wirklich davon ausgingen, er sei entführt worden, oder gar tot.
Tot. Was für ein Gedanke.
Er stand dem Tod heute so nahe, wie niemals zuvor in seinem Leben. Alles hätte heute zu Ende sein können. Seine harte Arbeit für die Professur... dahin. Die geplante Gründung einer Familie mit Janette... aus und vorbei. All das, was noch kommen würde, wäre wegen ein paar fremden Männern vorbei gewesen. Allein der Anblick dieses blutüberströmten Russen jagte ihm jetzt noch eiskalte Schauer über die Schulter. Und das Schlimme daran war, dass er nicht einmal gewusst hätte, warum.
In was für eine Situation war er da nur hineingeraten? Was konnte so bedeutsam an ihm oder Melissa sein, für das diese Menschen alles einsetzten und alles riskierten? Melissa... dieses mysteriöse Mädchen. Hätte sie nicht das Antlitz eines Unschuldsengels, würde er sich wahrscheinlich vor ihr und ihrer rätselhaften Begabung fürchten. Aber gerade jetzt, wo sie fest schlafend an seiner Schulter lag, schob er jeden Gedanken von Mystik und Bedrohung beiseite.
Warum hatte er damals nur eingewilligt, dieses blöde Buch übersetzen zu wollen?
Damals. Für ihn kam es schon so lange vor, was gerade mal vor ein paar Tagen seinen Lauf genommen hatte. Und jetzt saß er hier mit einer gesetzlich Verrückten in einem Taxi; mitten in der Nacht; auf dem Weg zu einem völlig fremden Menschen, dem sie bedingungslos vertrauen mussten.
Niemand inszenierte Überraschungen so gut wie das Leben.
Das Taxi passierte das Ortsschild. Der Fahrer schaltete sein Navigationsgerät ein, um die Adressangaben einzugeben, die er von Michael, respektive von Seebach erhalten hatte. Sein Fahrbezirk war eigentlich das Stadtgebiet München, zu dem Kochel ganz sicher nicht mehr zählte. Der Mann fand sich jedoch gut zurecht. Er fuhr innerorts ein paar Kurven und bog dann in eine kleine verschneite Straße ein. Am fernen Ende der Straße konnte Michael die erleuchteten Fenster eines kleinen Hauses erkennen.
»Das da vorne muss es sein« sagte der Taxifahrer.
Und tatsächlich, als das Auto in den Hof des Hauses einfuhr, öffnete sich die Haustür und Seebach trat hinaus, um die Ankömmlinge zu begrüßen.
»Herr Kramer, endlich. Ich bin froh, dass Sie da sind.«
»Herr Seebach, tut mir leid, dass es so lange gedauert hat, aber wir mussten ...« Michael zögerte.
»Schon in Ordnung. Das macht doch nichts.« Seebachs unterbrechender Einwurf und seine Blicke verrieten, dass er vor dem Taxifahrer nicht zu viele Worte verlieren wollte. Eine Haltung, die Michael sehr entgegenkam.
Nachdem er eine stattliche Summe an den Fahrer bezahlt hatte, trug Michael die noch immer schlafende Melissa ins Haus. Seebach kümmerte sich derweil um die wenigen Gepäckstücke. Michael hatte in der Hast ein paar Kleidungsstücke und seine Zahnbürste zusammengeworfen. Für Melissa packte Janette ein paar Sachen ein, die dem dürren Mädchen mit Sicherheit zu groß waren. Aber zumindest hätte sie zu Anfang etwas Gescheiteres, als ihr Krankenhaus Outfit zum Überwerfen.
Seebach hatte das Bett im Gästezimmer schon für Melissa vorbereitet. Vorsichtig legte Michael die Schlafende hinein und deckte sie zu.
»Das ist also das Mädchen?« Seebach starrte Melisssa an. Er war einerseits erfreut, andererseits spielte ein skeptischer Unterton in seinen Worten mit. «Dass sie das letzte Rätsel der Menschheit lösen soll...«
»Wenn es so ist, wird sie es sicher nicht mehr heute Nacht tun.« späßelte Michael.
»Danach sieht es tatsächlich nicht mehr aus. Kommen Sie Herr Kramer, Ihr Bett habe ich nebenan vorbereitet. Sie müssen nach diesem Tag müde sein.«
»Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Herr Seebach.«
Die beiden verließen das Zimmer, löschten das Licht und schlossen die Tür.
»Lars... nennen Sie mich Lars.«
»Nein, im Ernst... Lars. Ich bin Ihnen da wirklich außerordentlich zu Dank verpflichtet. Ich wusste wirklich nicht mehr, wohin mit ihr. Wir waren den ganzen Tag unterwegs.«
»Das glaube ich Ihnen. Und Sie können mir alles morgen früh erzählen. Jetzt gehen Sie erst einmal ins Bett. Sie sehen... fertig aus, wenn ich das mal so sagen darf.«
Im Nebenzimmer stand ein vorbereitetes Sofa. Während Lars das Zimmer mit einer knappen nächtlichen Verabschiedung verließ, wollte sich Michael noch einen Pyjama aus der Tasche holen. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Er fiel auf das Sofa und schlief sofort tief und fest ein.
22 Tage bis Ankunft des Kometen
Ein Strahl hellen Lichts mogelte sich durch den Schlitz zweier zugezogener Vorhänge. Er beleuchtete die Gegenstände einer völlig fremden Zimmereinrichtung.
Wo war er? Was war geschehen? War das alles nur ein Traum?
Michael brauchte einige Momente, um zu sich zu kommen und sich zu orientieren. Unglücklicherweise waren die vergangenen Tage nicht der absurde Teil eines bizarren Traumes, wie er für einen Moment gehofft hatte. Schlagartig fiel ihm ein, wo er sich jetzt befand. Er setzte sich auf und verharrte einige Augenblicke auf dem Rand des Sofas und musste noch immer seine Gedanken sammeln. Ganz offensichtlich war es ein Wohnzimmer, in dem er sich befand. Ein Schrank mit allerlei Büchern stand darin, daneben ein großes TV-Gerät. Ein Tisch mit mehreren Stühlen befand sich in der Ecke. Ihm fiel auf, dass die wenigen Pflanzen im Zimmer bestimmt schon bessere Zeiten gesehen hatten. Dann stand er langsam auf, ging zum Fenster und schob die Vorhänge beiseite. Grelles Licht, das von großen Schneeflächen reflektierte, blendete ihn schlagartig. Aber nachdem sich seine Augen nach einer kurzen Zeit an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, konnte er die Umgebung besser erfassen. Zur Rechten zogen sich sanfte, schneebedeckte Hügel weit in eine große Ebene hinein und endeten an einem großen Gebirgszug. Weiter links ging es sofort steil bergauf. Und nach vorne hin konnte man einen Teil des zugefrorenen Kochelsees sehen, der am Fuße des Herzogstandes, einem bekannten Ausflugsberg in dieser Region, seinen Anfang hatte. Ein idyllischer Anblick, den Michael aus dieser Perspektive noch nie so gesehen hatte. Mit Janette war er zwar öfter am Wochenende hier gewesen, aber das war hauptsächlich während der Sommermonate.
Draußen vor dem Zimmer hörte er das Geklapper von Geschirr. Er öffnete die Tür und sah Lars Seebach beim Decken eines Tisches im angrenzenden Esszimmerbereich. Der aromatische Geruch von Kaffee stieg angenehm duftend in seine Nase.
»Herr Kramer... wie schön, Sie sind wach. Wie haben Sie geschlafen?« Seebach legte eine gute Laune an den Tag. Michael war nicht sicher, ob er schon einen gescheiten Ton hervorbringen konnte. Er hatte einen klebrigen Hals, wie nach einer durchzechten Nacht.
Sachte antwortete er: «Guten morgen, Herr... Lars. Danke, ich habe gut geschlafen. Wie spät ist es?«
»Kurz vor 13 Uhr.«
»Melissa...?«
»Sie schläft noch. Vor einer halben Stunde habe ich einmal nachgesehen. Wollen Sie Kaffee?«
Michaels Blick war an Melissas Tür gefesselt. »Was? Oh ja... gerne.«
»Meinen Sie, sie wird von selbst herauskommen?« fragte Seebach.
»Wahrscheinlich ist sie noch nie in einer fremden Umgebung aufgewacht. Sie wird verunsichert sein. Angst haben.«
»Sie sollte jetzt auch wach sein. Warum gehen Sie nicht rein und holen sie?«
»Vielleicht sollte ich das machen.« Michael ging auf die Tür zu und öffnete sie. Im Gästezimmer war es bedeutend dunkler, als da wo Michael aufwachte. Das Licht vom Esszimmer drang in den Raum ein und erfasste das Gästebett. Sie lag da und hatte die Augen geöffnet. Sie zuckte zusammen, als er eintrat und zog sich in erster Reaktion die Bettdecke bis zum Hals hoch. Ängstlich versuchte sie die Konturen der Gestalt in der hell erleuchteten Tür auszumachen.
»Heh Melissa, ich bin‘s, Michael. Erkennst du mich nicht? Du brauchst keine Angst zu haben.« sprach Michael in beruhigenden Tönen.
Ohne eine weitere Bewegung zu verursachen, die Melissa erschrecken könnte, blieb er erst einmal für einige Sekunden in der Tür stehen. Dann ging er vorsichtig durch den Raum und öffnete die dicken Vorhänge. Melissa wurde durch das plötzlich eintretende grelle Licht geblendet.
»Sieh mal, was wir für einen schönen Tag heute haben.« sagte er erfreut.
Jetzt erst, wo das Sonnenlicht ihn eindeutig zu erkennen gab, entspannte sich Melissas Haltung und ihre Züge wurden lockerer.
»Michael.« sagte sie knapp.
Aber der Ton ihrer Stimme klang schon wesentlich fester, als noch vor wenigen Tagen.
»Ja, ich bin es. Wie geht es dir?« Er setzte sich zu ihr aufs Bett.
Die einzige Antwort die er bekam, war ein nettes Lächeln. Das war ihm genug. »Hör mal, möchtest du nicht aufstehen? Ich glaube, da draußen gibt es etwas zu essen.«
Sie schien ihn nicht richtig zu verstehen. Deshalb ging er zu ihrer Tasche, kramte eine Jogginghose und einen Pulli heraus und warf ihr die Teile aufs Bett. Dann schlug er ihre Bettdecke zurück und forderte sie durch Zeichen auf, sich zu erheben. Sie stand auf und hob die Arme senkrecht in die Luft. Michael war mehr als verwirrt. Was sollte das denn? In Erwartung einer Reaktion stand sie weiterhin so da.
»Sie sollen sie umziehen, schätze ich.« kam es von der Tür. Seebach stand darin und musste schmunzeln.
»Das meint Sie nicht ernst, oder?« Michaels Ironie konnte seine plötzliche Unsicherheit nicht überspielen..
»Ich denke doch. Was meinen Sie sonst, was der Grund sein könnte? Das Ritual wird sie wohl vom Krankenhaus her gewohnt sein.«
Michael inspizierte Melissa und suchte offenbar nach einer Stelle, wo er beginnen könnte. Dann nahm er ihr Kleid in beide Hände und zog es ihr langsam über den Kopf.
»Hör mal, wenn du tatsächlich so genial sein willst, dann musst du diese Sache hier aber ganz schnell lernen. Ich werde dir da nicht immer helfen können.« Michael warf das Kleid aufs Bett.
Splitternackt stand sie nun vor ihm. Sein Anstand verbot es ihm, sie sich näher zu betrachten. Aber sie hatte auffällig bleiche Haut, das konnte er sehen. Ob sie jemals einen Strahl Sonne darauf hat scheinen lassen? Ansonsten schien alles da zu sein, wo man es auch vermutete. Zumindest in dieser Hinsicht musste Michael keine weiteren Überraschungen mehr erwarten. Schnell griff er sich einen dicken Wollpulli und stülpte ihn ihr über. Ihr in die lockeren Hosen zu helfen, stellte sich schon als wesentlich delikater dar. Bestimmt war Janette auch deshalb so sauer, weil sie sich gerade so eine Situation sehr gut vorstellen konnte. Grundsätzlich hatte sie schon immer einen leichten Hang zu überzogener Eifersucht. Vielleicht war der auch nicht ganz unberechtigt, angesichts der Verehrerinnen, denen Michael in seinen Vorlesung begegnete. Immerhin konnte er sich einiges einbilden, als Gewinner des letztjährigen Beliebtheitswettbewerbes. Schmunzelnd musste er wieder daran denken, wie sich Janette darüber aufgeführt hatte. Während dieser Zeit kam sie immer wie zufällig an der Uni vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Wer weiß, mit was sie damals alles gerechnet hatte. Michael stellte sich amüsiert vor, wie ihn Janette in einer einengenden Traube von halbnackten Studentinnen um sich herum hat stehen sehen. Alle verzweifelten Versuche sich loszureißen und zu ihr durchzubrechen waren angesichts der erdrückenden Übermacht von weichen Körperteilen vergebens. Schnell aber verstieß Michael diese Phantasien wieder, angesichts der realen Situation, die er gerade vor sich stehen hatte. Trotzdem, auf Melissa musste Janette nun wirklich nicht eifersüchtig sein. Diese Beziehung war doch etwas gänzlich anderes, da war sich Michael sicher. Nachdem das Mädchen nun vollends angezogen war, führte Michael sie nach draußen. »So, sie ist fertig. Wir haben es geschafft.« sagte er zu Lars Seebach, der gerade einige Sachen in den Küchenschrank einräumte.
»Sind Sie sicher?« fragte Lars schelmisch grinsend. »Wenn sie sich nicht eigenständig anziehen kann, meinen Sie, sie kann sich selbst waschen? Oder duschen?«
Starr vor Schreck starrte Michael Lars an. »Das herauszufinden, kann warten.« sagte er dann.
»Und aufs Klo gehen?«
»Herr Seebach« sagte Michael ablenkend, «Sie sagten etwas von einem Kaffee?«
»Aber natürlich. Kommen Sie an den Tisch.« Übereifrig wischte er ein paar Krümel von der Tischplatte herunter. Bevor sich Michael niederließ, half er Melissa dabei, sich neben ihn auf einen Stuhl zu setzen.
»Hier, ich habe ein paar Semmeln... und Marmelade. Ich wusste nicht, wann sie beide aufstehen würden, da habe ich einfach mal Semmeln besorgt. Ich hoffe, das ist ok? Selber habe ich zwar schon heute morgen gegessen, aber ich esse einfach noch was mit. Ist sowieso fast Mittagszeit.«
Michael schüttelte in einer hilflosen Geste den Kopf. »Lars, ich...«
»Psst psst, jetzt essen Sie erst mal was!«
»Nein, im Ernst.... ich bin Ihnen da wirklich außerordentlich zu Dank verpflichtet. Ich wusste wirklich nicht mehr, wohin mit ihr.«
»Sie haben genau das Richtige getan, Herr Kramer. Deshalb habe ich Ihnen meine Hilfe auch angeboten. Ich hatte gehofft, Sie ließen mich dann und wann mal an einer der Übersetzungspassagen teilhaben... aber dass das Werk jetzt hier bei mir... in meinem Haus übersetzt werden soll... hätte ich mir jetzt doch nicht erträumen lassen. Aber es ist der perfekte Ort, um so ein Projekt in Ruhe angehen zu können. Das Haus ist, wie sie bestimmt gemerkt haben freistehend. Ihr Aufenthalt hier wir nicht weiter auffallen. Zudem vermiete ich ein paar Räume hier im Haus an Feriengäste während der Sommermonate. Also auch wenn sie mal draußen spazieren gehen, wird niemand argwöhnisch werden. Das passt schon. Und jetzt Schluss damit. Essen Sie!«
Tatsächlich war Michael sehr hungrig. Das Gleiche galt für Melissa. Anstatt sich allerdings das Brötchen mit der Marmelade zu beschmieren, nahm sie das Glas und leerte es über das komplette Backwerk darüber. Hastig verschlang sie die ersten beiden Bissen. Michael und Lars sahen sich fast gleichzeitig an, ohne ein Wort zu sagen. Dann ergriff Michael ein neues Brötchen, schnitt es in zwei Teile durch und schmierte Butter und Marmelade auf die beiden Hälften. Die reichte er dann Melissa. »Ich sehe, wir müssen uns noch auf einiges einstellen mit dir.« bemerkte er süffisant.
Michael nahm noch ein paar Bissen, trank von dem Kaffee und sah sich dann von seinem Platz aus um. »Sie haben ein schönes Haus hier. Wohnen Sie denn ganz allein hier drin?«
»Es ist ein Erbstück meiner verstorbenen Großmutter. Eigentlich sollte es für mich und meine damalige Freundin der perfekte Start in ein gemeinsames Leben sein. Aber wie es das Schicksal so wollte... schöne Häuser sind nicht immer alles. Aber die Frauen wollen immer alles. Sind nie mit dem zufrieden, was sie gerade haben. Sie hat mich für jemanden verlassen, der ein noch größeres Haus hatte... ein noch größeres Auto... und wer weiß, was da sonst noch alles größer war.«
»Ich verstehe.« Michael senkte seinen Blick in die Kaffeetasse. Offenbar war ihm die Frage im Nachhinein unangenehm gewesen.
»Ach was, denken Sie sich nichts dabei« sagte Seebach. «So ist mehr Platz für mich... und meine Gäste.«
Michael wollte das Thema wechseln. Auf einem kleinen Beistelltisch sah er eine Menge Magazine herumliegen. Hauptsächlich waren IT und Computerthemen auf den Covern abgebildet.
Uninteressiert blätterte er in einem herum.»Was machen Sie denn beruflich, wenn ich fragen darf? Das Erforschen des Voynich Manuskriptes ist nicht Ihr Hauptberuf, nehme ich an?«
»Nein, nein, das ist eine pure Leidenschaft von mir. Ein Hobby. Ich arbeite auf freier Basis für große Softwarefirmen. Ich entwerfe Verschlüsselungssysteme für Netzwerk Datenbanken. Genauso, wie ich es in der Uni bei Ihnen gelernt habe. Und Sie? Seit wann sind Sie Spezialist für das Voynich Manuskript?«
Bei dieser Annahme überkam Michael ein kurzes Auflachen. «Spezialist ist wohl etwas übertrieben. Ich bin da wohl eher durch Zufall hineingeraten. Obwohl die Kenntnis über das Buch natürlich bei meiner Entdeckung der kanarischen Höhlenschriftzeichen geholfen hat. Immerhin weiß ich über die Existenz, beziehungsweise die Wesenszüge dieses rätselhaften Werkes bescheid. Aber es fehlt mir dennoch jeglicher detailliertere Bezug zu dem Inhalt.«
Vollkommen überhastet sprang Seebach plötzlich vom Tisch auf und eilte ins Wohnzimmer. Von dort hörte Michael einige wühlende Geräusche, bis ein schnelles Tappen auf den Dielen die erneute Ankunft seines ehemaligen Studenten ankündigte. Er trug mehrere Ordner und Papierstapel in den Händen.
»Den Inhalt und die dazugehörigen Erklärungen kann ich Ihnen liefern. Sehen Sie hier: Ich habe Kopien und Bücher aller 263 Seiten des Manuskriptes in Originalgröße vorliegen. Sehen wir mal nach... mit welcher Seite sagten Sie, wollte Melissa mit der Übersetzung beginnen?«
Überstürzt schob Seebach das Geschirr zur Seite, um für seine ganzen Mitbringsel entsprechend Platz zu schaffen. Währenddessen holte Michael die Kopie heraus, mit der Melissa im Krankenhaus zu übersetzen angefangen hatte. Der Zustand des Blattes gab ein verlässliches Bild davon ab, was in dem Krankenhaus geschehen war. Aber trotz der zerknüllten und angerissenen Seite, konnte Seebach sofort erkennen, um welche Passage es sich handelte.
»Das ist eine Seite aus der astronomischen Sektion.« sagte er überzeugt.
»Stimmt. Damit hat sie angefangen. Und sehen Sie hier. Das hat sie bereits aufgeschrieben, bevor wir... unterbrochen wurden.« Michael zeigte ihm die lateinischen Kritzeleien in dem Notizblock, den er ebenfalls aus seiner Hosentasche holte.
»Interessant... sehr interessant.« Sehr konzentriert sah sich Seebach die Kopie, sowie den Aufschrieb an.
»Wieso...? Was ist denn so interessant? Und was genau bedeutet Astronomische Sektion überhaupt?«
Mit dem Blatt in der Hand stand Seebach auf und ging ein paar Meter. Offenbar konnte ihn seine innere Unruhe nicht lange auf einem Fleck sitzen lassen. Schließlich erklärte er: «Offiziell ist vom Verfasser des Manuskriptes kein Untergliederungssystem zu finden. Aber wenn wir uns genauer die verschiedenartigen Bilder und Texte ansehen, können wir diese in inhaltliche Sektionen trennen. Die Wissenschaft macht sich die Forschungsarbeit leichter mit Unterteilungen.« Jetzt ging Seebach wieder zurück an seinen Platz und sortierte verschiedene Kopien nebeneinander. »Sehen Sie die Abbildungen verschiedener Himmelgestirne. Sie sagten, Melissa hätte einen Bezug in den Zeichnungen und dem herannahenden Kometen hergestellt? Einfach unglaublich!«
»Wieso, was meinen Sie?«
»Neben der astronomischen Sektion gibt es noch die sehr ähnliche Kosmologische Sektion. Ich bin jetzt schon gespannt, auf welche Unterscheidungen Melissa da kommt. Denn für die Wissenschaft sind die beiden einander sehr ähnlich. Nur weniger nackte Frauenabbildungen in dieser Sektion.«
»Nackte Frauen?«
»Ja klar. Aber dazu kommen wir gleich. OK, dann sehen Sie hier.« Seebach drehte einige der Seiten, sodass Michael sie besser betrachten konnte.
»Eine Menge Abbildungen sehr seltsamer Pflanzen: Die kräuterkundliche Sektion. Darauf wurden Sie ursprünglich aufmerksam, wenn ich mich richtig entsinne?«
»Ja, das waren diese seltsamen Pflanzen vor der Höhle auf La Palma.«
»Genau. Wahnsinn. La Palma. Was das zu bedeuten hat... na egal. Übrigens auch eine Menge Pflanzenabbildungen haben noch die Pharmazeutische-, sowie die daraus resultierende Rezepte-Sektion. Man muss sich vorstellen, was die damals für abgefahrene Getränke aus Pflanzen, die wir nicht mal kennen, zusammengebraut haben. Die müssen jenseits jeglicher Vorstellung high gewesen sein. Ich habe die Hoffnung, dass Melissa uns so einen Trunk zubereitet.« Seebach blätterte weiter. »So, hier kommt meine Lieblingssektion: Die Anatomische Rubrik. Nur lauter nackte Weiber. Sehen Sie... irgendetwas müssen die da an einer Art Baum gemacht haben. Ein äußerst merkwürdiges Gewächs, um das sie alle herumtanzen. Diese seltsamen großen Kelche daran, aus denen offenbar irgendeine Flüssigkeit fließt. Manche vermuten, es soll sich um ein Fruchtbarkeitsritual gehandelt haben. Aber was auch immer die für Riten da abgezogen haben... ich wäre gerne dabei gewesen.«
Michael sah sich die Zeichnungen genauer an. »Dieser Baum existiert wirklich. Ich habe ihn gesehen. Auf den Fotos von Professor Liebermann.«
Seebachs Augen sprangen fast aus ihren Höhlen. »Das meinen Sie doch aber nicht im Ernst?«
»Doch, ich schwöre es. Das war genau solch ein Baum.«
»Oh Mann, oh Mann, oh Mann...« Seebach sprang unter schnellen Richtungswechseln im Zimmer herum. »Wenn das stimmt, wissen Sie, was das heißen würde? Das wäre purer Wahnsinn. Aber Moment... wann sagen Sie wurde die Höhle neu entdeckt?«
»Vor ein paar Wochen erst, glaube ich.«
»In ihrem Fernsehbericht, der auch Bilder von der Grotte gezeigt hatte, war aber nichts von solch einem Baum zu sehen. Daran könnte ich mich mit Sicherheit erinnern. Und wenn solche Bilder publik gemacht worden wären, würde die komplette Voynich Gemeinde schon Sturm laufen, das können Sie mir glauben.«
»Da haben Sie vermutlich recht. Und jetzt wo Sie es erwähnen, verstehe ich auch nicht, warum dieser seltsame Baum in keinem der Berichte gezeigt wurde.«
In diesem Moment kam Melissa um den Tisch herum gelaufen. Fasziniert sah sie sich die Kopien an und streichelte über die soeben durchdiskutierte Ansicht des Baumes mit den nackten Frauen. Ihre Lippen zitterten. Sie versuchte ein Wort zu formen.
»Was ist es? Was willst du sagen, Melissa?« Ungeduldig forderte Michael eine Antwort von ihr. Die bekam er auch.
Sie sagte leise: «Honung.«
»Honung? Was ist denn das?« wollte Seebach sofort wissen.
Aber gedankenverloren schwebte Melissas Blick über den Seiten.
»Melissa, schau mich an.« Michael schob sanft ihr Kinn in seine Richtung. «Ist das ein Name? Ist es eine Übersetzung auf der Seite?«
Die großen Augen zeigten eine Regung. Sie schien aus ihrer Welt zu erwachen und deutete auf ein Wort in einer Passage des Buches. Dann nahm sie den Notizblock und kritzelte ein Wort darauf. Es war in Latein und hieß: spes.
Sofort war Seebach an seinem eingeschalteten Computer und gab das Wort in eine deutsche Übersetzungsseite ein. Für einen Moment saß er wie elektrisiert da.
»Was heißt das übersetzt? Was bedeutet das Wort?« wollte jetzt auch Michael unbedingt wissen.
Langsam drehte sich Seebach um. Den wahren Sinn dieser Worte schien er auch noch erst begreifen zu müssen.
»Es heißt nicht Honung. Wahrscheinlich hat sie es nur falsch ausgesprochen. Heißen müsste es tatsächlich: Hoffnung, das lateinische Wort für spes.«
Michael war diese überraschenden Momente seitens Melissa nun beinahe schon gewohnt. Deshalb konnte er seine Gedanken viel schneller wieder einfangen, als Seebach.
»Ich würde sagen, die Interpretation für ein Fruchtbarkeitssymbol, das dieser Baum symbolisieren soll, war da gar nicht mal so falsch, sollte es denn stimmen.« sagte Michael beinahe schon ironisch.
Er sah sich nun die Textpassage, aus der Melissa das Wort herausgenommen hatte, etwas genauer an. »Hm, es scheint so, als würden diesen Zeichen hier auch tatsächlich übersetzbare Worte zugeordnet werden können. Ich dachte, allgemein ginge man von einer Sinnlosigkeit der eigentlichen Zeichen aus?« Die Frage sollte Seebach aus seinen immer noch kreisenden Gedanken reißen. Michael fuhr fort, als keine Reaktion kam: «Der Inhalt und die Erscheinung der Seiten sieht sehr greifbar aus... sehr durchgeplant. Selbst ich, als Sprachen- und Schriftexperte würde sagen, auf den ersten Blick wirkt der Text beinahe vertraut und natürlich. Es sind Symbole zu Gruppen geordnet, diese Gruppen werden durch Zwischenräume getrennt, so dass der Eindruck von „Wörtern“ entsteht. Die gesamte Schreibweise lässt die Vermutung zu, dass dieser Text relativ flüssig geschrieben wurde; so denke ich, dass er wohl auch flüssig zu lesen gewesen sein muss. Und dennoch ist es bisher noch niemandem gelungen, die Verschlüsselung des Textes zu knacken. Der Text könnte sonst etwas beinhalten.«
»... oder auch nichts.« setzte Seebach fort. »Eine der Theorien, die sich immer mehr durchzusetzen scheint ist die, wonach der Text in der Tat vollkommen sinnloses Zeug enthält, das die Nachwelt in die Irre leiten soll.«
»Aber dafür dieser ganze Aufwand?«
»Nicht zu vergessen den Herstellungskosten, auch zur damaligen Zeit. Vor 600 Jahren musste man viel Geld für Pergamentpapier und Farbe in dieser Qualität hinlegen. Auch die Dauer der Arbeitszeit bei diesem großen Projekt darf man nicht unterschätzen.«
»Sie glauben also an einen sinnhaften Inhalt dieser Seiten?«
»Ich und viele andere auch haben uns schon so lange mit dem Werk beschäftigt; so viel Energie und Arbeitszeit hineingesteckt... ich möchte nichts mehr anderes glauben. Und Melissa hat mich in diesem Glauben bestärkt.« Seebach beobachtete das Mädchen, wie sie sich aufgeregt durch den Stapel an Kopien wühlte.
Aber die anfängliche Begeisterung wich allmählich aus ihrem Gesicht. Sie wurde geradezu ärgerlich, als sie die Seiten nacheinander in die Hand nahm, um sie dann gleich danach wieder auf den Tisch zu klatschen. »Falsch... alles falsch.« zischte sie.
»Was? Was meint sie damit?« Seebach konnte sich das ärgerliche Gesicht nicht erklären.
»Ich weiß es auch nicht.« antwortete Michael. »Aber im Krankenhaus, als sie die Seiten zum ersten Mal sah, reagierte sie ähnlich. Genau wie jetzt, betastete sie die Seiten auch immerzu. Irgendetwas daran muss wohl nicht richtig sein.«
»Ja... seltsam, so wie alles an dieser ganzen Situation. Aber wäre es möglich...?« Auch Seebach fuhr mit der Handfläche über eine der kopierten Seiten und überlegte angestrengt.
»Was? Haben Sie eine Idee dazu?« fragte Michael hoffnungsvoll.
»Möglicherweise. Aber eigentlich ist es absurd.«
»Wenn es um Melissa geht, habe ich gelernt mit dem Unwahrscheinlichen zu leben.« sagte Michael mit mehr Wahrheit, als Ironie in der Stimme.
»Sie könnte tatsächlich damit gemeint haben, dass sie nicht das original Buch in den Händen hält.«
»Das Original?«
»Ganz recht. Nachdem das Buch über die Jahrhunderte durch die Hände mehrerer Besitzer wanderte, ging es schließlich in den Besitz der Yale Universitätsbibliothek in England über. Dort liegt es bis heute und Experten ist es auf Antrag und nur unter Aufsicht gestattet, die Seiten zeitweise durchzusehen.«
»Aber... aber woher soll sie denn das wissen?«
»Das ist ja eben das Absurde daran.«
»Wenn sie wirklich in der Lage wäre, daraus etwas übersetzen zu können, müssten wir sie an die Kopien gewöhnen. An die Originale kämen wir wohl nie dran.«
»Zumindest jetzt noch nicht.« gestand Seebach ein. «Und wie gehen wir jetzt weiter vor?«
»Ich werde gleich das Krankenhaus anrufen und Doktor Siebert mitteilen, dass es Melissa gut geht. Und dann, wie gesagt, müssen wir die kopierten Seiten schmackhaft für Melissa machen. Wir werden viel zu tun haben.«
»Großartig! Bleiben Sie hier, so lange Sie wollen. Es wird Sie niemand stören. Keiner weiß, dass Sie bei mir sind.«
»Ich möchte Ihnen auf keinen Fall mehr Umstände machen, als nötig ist.«
»Umstände? Quatsch. Ich habe jetzt schon genug gesehen, um zu wissen, dass wir der Übersetzung, oder dem Geheimnis dahinter, so nahe kommen werden, wie niemals irgend jemand zuvor. Und das wäre mir alle Mühen wert.«
»Wenn es so ist...«
»Machen Sie sich keine Gedanken.«
»Nun gut, danke. Ähm, mein Handy ist im Krankenhaus zerschlagen worden. Könnte ich ihr Festnetztelefon benutzen?«
»Aber klar, Herr Kramer. Es steht gleich neben Ihrem Bett im Wohnzimmer.«
»Danke. Übrigens... ich heiße Michael.«
»Geht klar. Telefonieren Sie ruhig. Ich räume hier ab und schaffe etwas Platz für Melissa.«
Nachdem Michael Sieberts Nummer gewählt hatte, musste er erstaunlich lange warten. Dabei schossen ihm einige flüchtige Gedanken durch den Kopf. Was, wenn Sieberts Telefon abgehört werden würde? Vielleicht wurde er aber auch gerade von der Polizei verhört. Oder Schlimmer noch, dem Arzt wäre ebenfalls etwas zugestoßen.
Schließlich aber meldete sich der Doktor.
»Doktor Siebert, hier ist Kramer.« sagte Michael erleichtert.
»Herr Kramer... sie leben. Bin ich froh. Was ist denn passiert? Wo sind sie denn? Ist Melissa bei Ihnen?« sagte Siebert überhastet.
»Ich möchte nicht allzu lange sprechen. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wo ich bin. Nur so viel: Mir geht es gut und Melissa ist bei mir. Ihr fehlt es an nichts, aber ich kann sie in der momentanen Situation nicht zurückbringen. Sie würde furchtbare Angst haben, wieder an diesen Ort zurückkehren zu müssen. Sie glauben nicht, was wir durchgemacht haben.«
»Doch, ich kann es mir vorstellen, bei den vielen Toten, die hier im Krankenhaus herumliegen. Aber Sie müssen verstehen, Melissa ist die Außenwelt doch nicht gewohnt. Sie wird sich davor doch mindestens genauso fürchten, wie vor allem anderen, das ihr mittlerweile widerfahren ist. Haben Sie das inzwischen nicht auch schon festgestellt?«
»Wäre sie mit einer anderen Person zusammen, dann vielleicht schon. Aber wie Sie schon vermuteten, vertraut sie mir einigermaßen. Der normale tägliche Ablauf wird für sie und mich schwierig werden, keine Frage. Aber es soll ja auch nur für kurze Zeit sein. So lange, bis die Polizei die Täter und Hintergründe ermittelt hat. Sind sie da schon weiter? Wissen Sie was?«
»Soweit ich weiß, tappen sie da noch völlig im Dunkeln. Allerdings... ich weiß nicht, ob Sie es schon gehört haben?«
»Was?« Michael machte sich auf eine unangenehme Überraschung bereit.
»Diese Mörderbande... sie konnte der Polizei entkommen.«
Das saß wie ein Faustschlag in die Magengrube.
Der Doktor fuhr fort: «Offenbar haben sie den schwarzen Kleinbus in einem Wald nahe des Messegeländes gefunden. Er war als gestohlen gemeldet. Laut Spurenermittlung müssen die Männer danach mit einem Hubschrauber entkommen sein.«
»Einem Hubschrauber?«
»Ja, tatsächlich. Aufgrund dieser ungewöhnlichen und vor allen Dingen kostspieligen Tatsache geht die Polizei von organisiertem Verbrechen aus. Sie müssen sehr vorsichtig sein, Herr Kramer. Da sind anscheinend echte Profis am Werk. Vielleicht überdenken Sie Ihre jetzige Entscheidung nochmals. Melissa... und auch Sie wären in der Obhut der Polizei vielleicht doch besser aufgehoben.«
»Nein... Melissa braucht jetzt vor allen Dingen Ruhe. Die würde sie auf einem Polizeirevier inklusive der Präsenz der Medienwelt dort nicht haben. Meine Entscheidung steht nun fester als vor diesen Hinweisen, für die ich Ihnen sehr dankbar bin. Wo wir jetzt sind werden wir erst einmal sicherer sein, als irgendwo sonst in der Stadt. Ich muss jetzt Schluss machen, Doktor. Ich melde mich wieder.«
Michael legte den Hörer kurz auf und tippte dann sofort erneut eine Nummer auf der Tatstatur. Er musste unbedingt Janette anrufen. Sie machte sich bestimmt unglaubliche Sorgen. Er wählte den Anschluss der gemeinsamen Wohnung an und wartete einen Moment ab.
Nichts. Keiner nahm ab.
Wo mochte sie denn stecken? Der Ton des Freizeichens wirbelte alle möglichen Gedanken in seinem Kopf auf. Diese Mörder liefen immer noch frei herum. Und offenbar glaubte die Polizei, sie wären nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen. Eines organisierten Syndikates. Unglaublich, mit was er, der ungescholtene Dozent, von jetzt auf nachher zu tun hatte. Und wenn sie nun gar auf der Suche nach ihm selbst waren? Nein, redete er sich ein. Sie waren auf der Suche nach Melissa, für deren Ergreifung sie ein unfassbares Risiko eingegangen sind. Welcher Preis könnte so eine gefährliche Handlung rechtfertigen?
Dann erinnerte er sich an die Uhrzeit. Es war ja schon Nachmittags. Janette war gewiss in der Arbeit. Auf ihrem Handy allerdings wollte er sie nicht anrufen. Es wäre zu riskant, dass sie in der Öffentlichkeit mit ihm spricht. Aber er könnte Professor Liebermann anrufen, dachte er sich und wählte auch schon gleich nach diesem Gedanken seine Nummer.
»Herr Kramer... Michael, meinen Sie nicht, es ist zu gewagt von diesem Telefon aus anzurufen?« warf Seebach besorgt ein. »Die Nummer wird in seinem Display erscheinen.«
»Ich weiß. Aber ich muss es riskieren. Das bin ich diesen Leuten schuldig.«
»Liebermann.« meldete sich gleich darauf eine Stimme.
»Professor... hier ist Michael Kramer.«
Nach einem zögerlichen Moment antwortete er: »Michael... geht es Ihnen gut? Mein Gott, was haben wir uns für Sorgen gemacht, als wir von Ihrer Freundin erfahren haben, dass Sie ins das Blutbad verwickelt waren.«
Janette hatte es ihm erzählt. Verdammt. Aber früher oder später hätte er es sowieso erfahren.
»Mir geht es soweit gut Professor. Ich wollte Sie nur darum bitten, mir ein paar Tage frei zu geben. Ich bin derzeit nicht in der Stadt.«
»Sind Sie mit dem Mädchen unterwegs?«
»Ja... ja, das bin ich.« antwortete er fast schon reuevoll.
»Ich dachte, ich hätte mich in der Sache klar ausgedrückt. Die Kommission war eindeutig gegen ein weiteres Engagement von Ihnen in dieser Angelegenheit.«
»Professor...«
»Sehen Sie doch, Michael, wo es Sie hingeführt hat. Wo immer Sie sind, Sie sollten da jetzt nicht sein.«
»Aber es ist nun mal geschehen. Und Melissa ist bei mir und wird mit den Übersetzungen in den nächsten Tagen beginnen, das weiß ich.«
»So, wird sie das?«
»Nirgendwo anders wäre sie im Moment sicher. Ich muss das mit ihr durchziehen. Ich komme wieder, wenn Melissa fertig ist.«
»Kommen Sie, Michael. Meinen Sie nicht, Sie überschätzen Ihren Einfluss auf diese... Verrückte? Übersetzen kann sie auch in jeder Klinik, jeder Polizeistation, wo sie sicher wäre. Bei der Sache geht es doch auch um Ihre Sicherheit.«
»Wenn jemand etwas will, dann nicht von mir, sondern von Melissa. Ich stand einfach nur im Weg.«
»Da bin ich mir nicht sicher. Ich habe noch andere Neuigkeiten.«
»Ja? Was denn?« Noch mehr Überraschungen, die er jetzt nicht brauchen konnte, dachte sich Michael.
»In meinem Büro wurde eingebrochen. Es fehlt nichts, außer... sämtlichen Bildern und Unterlagen meines Freundes Belach, die ich Ihnen auf meinem Computer gezeigt habe. Er selbst und seine Frau hatten schon vor zehn Tagen einen tödlichen Unfall, wie ich heute erfahren habe. Wahrscheinlich aber war es Mord.«
»Mord?« Vor Michaels Augen flogen Bilder von den außergewöhnlichen Pflanzen, dem seltsamen Baum und des Archäologen mit seiner Frau vorbei, die seinerzeit die Höhle auf der kanarischen Insel entdeckt hatten. »Das ist ja furchtbar. Und Sie meinen, aufgrund der Bilder aus der Höhle auf La Palma? Aber... was könnte denn daran so interessant sein?«
»Ich weiß es nicht. Aber was die Polizei interessiert ist, ob es da eine Verbindung zu Melissa gibt?«
»Melissa...? Mein Gott.«
»Ich weiß. Das Ganze wirkt so zerfahren, so surreal. Und die Ereignisse überschlagen sich so dramatisch schnell. Michael, ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll.«
»Beruhigen Sie sich erst einmal, Professor. Für den Moment seien Sie gewiss, dass wir in Sicherheit sind und es uns gut geht. Ich melde mich wieder.« Nachdem Michael auflegte, ließ er sich nachdenklich in den Sessel zurückfallen. Was hatte er mit seiner Entdeckung über die Zusammenhänge des Voynich Rätsels nur alles ins Rollen gebracht? Wie viele Tote hatte dieses 600 Jahre alte Schreibwerk schon gefordert? Melissa war ganz klar Teil dieses Irrsinns. Und vermutlich auch der Schlüssel zur Lösung. Und die musste schnell her, bevor noch mehr Unglück passierte. Aber vorher musste er nun doch versuchen, Janette zu erreichen. Alles, was er gerade gehört hatte, beunruhigte ihn sehr. Michael wählte die Handynummer seiner Freundin.
»Ja?« ertönte es in der Hörmuschel. Im Hintergrund waren viele unterschiedliche Geräusche zu hören.
Gott sei Dank, sie nahm ab, frohlockte Michael. »Janette, ich bin‘s, Michael. Bist du in der Agentur?«
Es dauerte kurz, bevor eine Antwort kam. Offensichtlich bewegte sich Janette an eine ruhigere Stelle ihrer Umgebung.
Dann sprach sie leise, aber schnell: «Michael... bin ich froh, dass ich dich höre.«
»Kannst du frei sprechen?«
»Ja, ich bin in den kleinen Vorgarten gegangen. Keiner kann mithören. Wie geht es dir? Wie war die Nacht?«
»Mir geht es gut. Aber hör mal...?«
Sie fuhr ihm dazwischen: «Hast du das von Professor Liebermann gehört?«
»Dass mit seinem Freund und den La Palma Bildern, ja. Es ist auch der Hauptgrund, weswegen ich anrufe.«
»Du kommst nach Hause, ja? Diese ganze Sache wird ja jetzt wohl eindeutig zu groß und zu verstrickt. Du kannst dich da nicht weiter hinein verwickeln lassen.«
»Ich fürchte, wir stecken da schon zu tief mit drin. Mit wir meine ich auch dich. Meinst du, du könntest die nächsten Tage woanders wohnen? Vielleicht bei einer deiner Freundinnen? Oder deiner Mutter? Nur so lange, bis sich alles aufgeklärt hat.«
»Was soll das denn für ein Blödsinn sein? Meinst du, mir droht auch Gefahr? Weshalb denn? Ich habe doch nichts von Wichtigkeit? Vor allen Dingen, wie stellst du dir das vor? In drei Wochen ist Weihnachten. Mutter wollte zu uns kommen, erinnerst du dich? Was soll ich ihr denn erzählen?«
»Was weiß ich? Erzähl ihr, dass wir uns gestritten haben.«
»Ja, und das wäre nicht einmal gelogen.«
»Liebling, bitte. Tu‘s für mich.«
»Wenn es wirklich so gefährlich wäre, würdest du jetzt hier bei mir sein, anstatt die Zeit zusammen mit einer Verrückten in einem Urlaubsort zu verbringen. Und das auch noch zu Weihnachten. Komm bitte nach Hause, ich beschwöre dich. Lass es nicht so enden.«
»Enden? Janette, du dramatisierst. Nichts wird...« Michael hörte nur noch ein leichtes Klicken, das die Sprechverbindung abrupt beendete. Janette ließ damit offen, wie sie handeln würde. Er fühlte sich innerlich sehr zerrissen. Aber er konnte hier nicht weg. Nicht jetzt.
Als er wieder ins Esszimmer kam, saß Seebach neben der unruhigen Melissa. Immer noch wühlte sie wütend in den kopierten Blättern herum.
»Und... was Neues?« fragte Seebach.
»Die Lage ist nicht unbedingt entspannter geworden. Melissas vermeintliche Entführer sind immer noch auf freiem Fuß. Und es gab einen weiteren Todesfall, vermutlich auch in dem selben Zusammenhang.« Michael sah sich das frustriert da sitzende Mädchen an. »Und Melissa? Wie ich sehe, hat sie sich noch nicht mit dem Material arrangieren können.«
»Nein, hat sie nicht. Es ist wohl immer noch alles falsch.« bestätigte Seebach.
Michael nahm seinen Stuhl und setzte ihn ganz nah neben das Mädchen.
Seine Stimme war sanft und beschwichtigend: «Melissa... du willst das richtige Buch? Ist es das? Das wahre Manuskript?«
»Richtiges Buch... ja.« Dieses Mal schien sie ihn zumindest verstanden zu haben.
Michael fiel auf, dass ihre Art, so wie sie sprach und sich bewegte, zunehmend kindlicher wurde. Das war immerhin schon ein großer Fortschritt zur lethargischen Person, die er anfangs kennengelernt hatte. Mit einem Kind konnte man immerhin kommunizieren. Und das musste dann auf eine typische Weise geschehen. Er wollte bei kommenden Gesprächen versuchen, so gut es ging die Gesichtsmimik zu übertreiben. Kinder können das besser interpretieren, als so manches Wort, dachte er sich.
Mit gequält traurigen Augen sah er sie nun an und sagte: « Ich fürchte, das geht nicht. Das Manuskript ist in England, weißt du. Das ist zu weit weg. Ich weiß nicht, ob ich mit dir so eine lange Reise machen kann. Vor allem, nach all dem, was passiert ist. Verstehst du das? Kannst du denn nicht mit diesen Kopien arbeiten? Ich weiß, das Papier fühlt sich anders an... die Farben sind unterschiedlich... aber der Inhalt ist derselbe. Versuchs doch einfach mal.«
»Seiten... fehlen.« stammelte sie.
»Es... fehlen Seiten? Woher willst du denn das wissen?«
Sie antwortete nicht auf diese Frage. Eben wie ein störrisches Kind.
Seebach indes lief ein paar Schritte durchs Zimmer und wackelte dann nachdenklich mit seinem Zeigefinger in der Luft herum.
Mit langsam aufsteigender Erkenntnis sagt er dann: «Ja... sicher. Auch im Original fehlen ein paar Seiten. Durch die Folierung, also der handschriftlichen Gliederung der einzelnen Pergamentseiten, konnte festgestellt werden, dass ein paar Blätter innerhalb des Buches fehlen. Ob und wie sie über die Jahrhunderte verloren gingen ist nicht bekannt.«
Michael fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. «Woher weiß sie das nur? Und wie erkennt sie, dass da etwas fehlt in diesem wirr umeinanderliegenden Zettelhaufen?«
»Ich dachte, Sie wollten sich nicht mehr von ihr überraschen lassen?« schmunzelte Seebach.
»Ja, stimmt ja eigentlich.« Er musste über seinen Rückfall selbst lächeln.
»Monasterium... Mairania...« warf Melissa in die Runde.
»Was?« Michael sah Seebach fragend an.
»Keine Ahnung wovon sie jetzt redet.« gab dieser ebenso erstaunt zurück.
»Müssen nach... Mairania.« Melissa kritzelte den Namen ganz groß auf eine der Kopieseiten.
»Melissa... wir wissen nicht, was du damit meinst. Ist es ein Ort? Aber... wir können im Moment nirgendwo hin, verstehst du? Wenn du wirklich irgendetwas an diesem Buch, oder diesen Seiten tun willst, musst du es hier machen. Mit dem Material, das dir vorliegt. Etwas anderes wird es nicht geben. Hast du mich verstanden? Wird dir das gelingen?« Michael sah das Mädchen sehr eindringlich an.
Melissas immer wacher werdende Blick versuchte Verständnis in Michaels Worten zu finden. Langsam begann das Mädchen die umliegenden Kopien einzusammeln und auf einen geordneten Stapel zu legen. Dann griff sie den danebenliegenden Block, inspizierte die Zeichen auf einer der Kopien und krakelte das erste Wort auf eine weiße, leere Notizblockseite.
»Michael, es scheint, sie hat Sie tatsächlich verstanden.«
»Ja. Die Arbeit hat begonnen.«